„Skrupellose Psychiatrieärzte haben mein Kind in den Tod geschickt“

Von Claus Hollmann

Kategorien: Ärztepfusch, Schicksale


Datum: 22.05.2015

Nachdem Stephan D. (18) von brutalen Schlägern misshandelt wurde , litt er unter den traumatischen Folgen des Überfalls. Als er eine Klinik aufsuchte, wurde er kurzerhand in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie gesteckt, an ein Bett gefesselt und mit Psychopharmaka vollgepumpt. Als ein Richter die zwangsweise Unterbringung aufhob, schickte ihn die Klinik einfach nach Hause. Unter dem Einfluss schwerer Medikamente wurde Stephan von einem Zug erfasst und getötet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Ärzte wegen Freiheitsberaubung und fahrlässiger Tötung. BrandZeilen.de berichtet über einen unfassbaren Klinikskandal.

Schweigend kniet sie nieder, legt frische Blumen an der Unfallstelle ab. Chris-Romy Dalitz wischt sich die Tränen aus den Augen. „Hier ist es passiert, hier wurde mein Sohn vom Zug erfasst, sein Körper in Stücke zerrissen“, sagt die 46-jährige aus dem brandenburgischen Wildau leise. Seit Stephans schrecklichem Tod kennt sie kein Freude mehr in ihrem Leben. Der Schmerz ist einfach zu groß. „Nachts werde ich von Albträumen geplagt, tagsüber funktioniere ich nur noch“, so die leidgeprüfte Mutter, die über den Tod ihres Kindes nicht hinwegkommt.

Zu  der endlosen  Trauer kommen Verzweiflung, Wut, Verbitterung und die Überzeugung, dass Ärzte versagt haben. Dass ihr Sohn noch leben könnte, wäre er nicht in die Fänge dieser Mediziner geraten. „Skrupellose Psychiatrieärzte haben mein Kind in den Tod geschickt“, sagt Chris-Romy Dalitz voller Wut. „Erst haben sie ihn grundlos in die geschlossene Psychiatrie gesteckt, ihn gefesselt, mit Medikamenten vollgepumpt und ihn dann ohne jeden Hinweis auf die schweren Nebenwirkungen der Medikamente entlassen. Mein Sohn suchte in der Klinik Hilfe, aber er fand den Tod.“

Schwere Vorwürfe, die die Krankenschwester jedoch Punkt für Punkt belegen kann. In ihrer Wohnung zeigt sie uns die akribisch geordneten Unterlagen. Stephans Krankenakte, glaubwürdige Zeugenaussagen und einen richterlichen Beschluss, der dem Treiben der Klinikärzte ein Ende gesetzt hatte.

Rückblende. Bis zu seinem 17. Lebensjahr war Stephan ein aufgeschlossener, ruhiger Junge, der im Verein Handball spielte, gerne angeln ging und sich durch Zeitungen austragen sein Taschengeld aufbesserte. Er besuchte die  Oberschule und träumte davon, Informatiker zu werden. Ein zurückhaltender, hilfsbereiter  junger Mann, der Streit stets aus dem Weg ging.

Dennoch wurde Stephan Opfer eines  brutalen Übergriffs. Zusammen mit Freunden hatte er in einer Disco in Königs Wusterhausen den 18. Geburtstag eines Schulkameraden gefeiert, als er beim Verlassen des „SIX“ von zwei Männern grundlos niedergeschlagen wurde. Obwohl er schon verletzt am Boden lag, traten die Täter mit Füßen auf Stephans Kopf ein. Er erlitt schwere Schädel- und Gesichtsprellungen, sein Körper war mit Schürfwunden und Hämatomen übersät.

Ein Verbrechen, für das die Täter bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Zwar wurden sie eineinhalb Jahre später und erst nach Stephans Tod zu einer geringen Bewährungsstrafe verurteilt, aber selbst gegen dieses milde Urteil haben sie Berufung eingelegt und sind daher bislang immer noch nicht rechtskräftig verurteilt.

„Diese  brutale Prügelattacke hat Stephan aus der Bahn geworfen, er fiel danach in eine tiefes seelisches Loch“, erzählt seine Mutter. „Stephan zog sich zunehmend zurück, er litt unter Angstzuständen, Schlaflosigkeit und Atemnot, er  traute sich kaum noch aus dem Haus. Schließlich kannten die Schläger ihn und wussten genau, wo wir wohnen.“

Viel zu spät diagnostizierten Ärzte eine posttraumatische Belastungsstörung. Erst Monate später, als sich Stephans Zustand schon wieder langsam besserte, erhielt er den langersehnten Therapieplatz. „Mein Sohn hatte wieder Mut gefasst und seine Lebensfreude zurückgefunden“, berichtet seine Mutter. „Er steckte voller Tatendrang. Er wollte seinen Führerschein machen und hatte sich sogar schon nach einer neuen Wohnung für uns am Seddiner See umgeschaut.“

Dennoch wollte Stephan seine noch vorhandenen, vermutlich psychosomatisch bedingten Beschwerden wie Kopfschmerzen, Konzentrationsschwächen, Lernschwierigkeiten und Schlaflosigkeit behandeln lassen. Im Asklepios Fachklinikum Teupitz hoffte er auf Hilfe.

„Schon das erste Gespräch mit der diensthabenden Ärztin kam uns sehr, sehr merkwürdig vor“, berichtet Sarah Dalitz(23), die ihren Bruder mit dem Auto in die Klinik gefahren hatte. „Erst fragte sie meinen Bruder, ob er Stimmen hören würde oder gewalttätig sei. Als sie ihm dann ohne einen für ihn ersichtlichen Grund Blut abnehmen  lassen wollte, hatte er keinerlei Vertrauen mehr. Er machte der Ärztin unmissverständlich  klar, dass er sich von ihr nicht behandeln lassen und die Klinik sofort verlassen möchte.“

Was dann geschah, beschreibt Sarah Dalitz heute  als „blanken Horror“. „Die Ärztin versperrte Stephan einfach den Weg und rief über ihr schnurloses Telefon ihre Pfleger. Im nächsten Augenblick standen etwa fünf Männer im Raum. Sie packten sich meinen Bruder und brachten ihn mit Gewalt aus dem Ärztezimmer. Ich musste tatenlos mit ansehen, wie sie ihn in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie schleppten und die schweren Türen hinter ihm ins Schloss fielen. Man hatte ihn auf die berüchtigte Station H1. gebracht.“

Doch warum diese selbst für eine psychiatrische Klinik sehr ungewöhnliche und absolut nicht nachvollziehbare Vorgehensweise? Warum wurde Stephan ohne eingehende Untersuchungen sofort in die geschlossene Abteilung gesteckt? Schließlich hatte er freiwillig die Klinik aufgesucht, es gab keine ärztliche Einweisung und vor allem keinerlei neurologische oder psychiatrische Vorbefunde, die eine solche Vorgehensweis erklären würden.

Möglicherweise, so die Überlegung von Stephans Mutter, hatte der WEISSE RING seine Finger im Spiel. Die Hilfsorganisation hatte ihren Sohn nach der Prügelattacke betreut und wollte bei der Suche nach einem Therapieplatz für die Behandlung seiner posttraumatischen Belastungsstörung behilflich sein. „Wenn deren Mitarbeiter in Bezug auf Stephans Beschwerden übertrieben hat, um so schneller einen Therapieplatz für ihn zu bekommen, und sich die Klinik dann auf die laienhafte Einschätzung dieses Mitarbeiters verlassen hat, wäre dies fatal und ebenfalls nicht zu entschuldigen“, so die Mutter.

Aus der Krankenakte weiß die Familie heute, was man dort mit Stephan anstellte. Chris-Romy Dalitz: „Obwohl es keinerlei Anzeichen für eine Eigen- oder Fremdgefährdung gab, wurde Stephan mit Armen und Beinen an ein Bett gefesselt. Gegen seinen ausdrücklichen Willen wurde er ausgezogen, er bekam einen Venenkatheter gelegt, ihm wurden fünf verschiedene Medikamente verabreicht, und jemand versetzte ihm eine Spritze ins Gesäß. Für mich ist dieses Vorgehen der absolute Wahnsinn!“

Am nächsten Morgen - nachdem Stephans Mutter die Polizei alarmiert und eine Anzeige erstattet hatte - erfuhr die Familie dann  das ganze Ausmaß der „Behandlung“ in der Psychiatrie.

Im Beisein eines eingeschalteten Richters beschrieb Stephan seinen Aufenthalt als einzigen Horror. Er klagte über Schmerzen, einen ausgerenkten Kiefer und  eine geschwollene Zunge. „Ich wurde gefoltert wie im Mittelalter, es war das schlimmste, was ich je erlebt habe“, so Stephan gegenüber dem Amtsrichter, der über die Rechtmäßigkeit der Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie zu entscheiden hatte. Nachdem er auch die Ärzte gehört hatte, bereitete er dem Spuk sofort ein Ende. Der Amtsrichter lehnte den Antrag der Klinik auf „einstweilige geschlossene Unterbringung“ ab.„Die  Voraussetzungen für eine Unterbringung sind nicht gegeben“, so der Richter in seinem Beschluss, in dem er die „zeitweise Fixierung“ und „intravenöse Medizierung“ des Patienten als „Zwangsmedikation“ beschreibt.

Offensichtlich fühlte sich die Klinik daraufhin für seinen Patienten und für das, was man mit ihm angetan hatte, nicht mehr verantwortlich. Unglaublich, aber wahr: Man entließ Stephan, ohne ihn oder seine Familie über die Risiken und Nebenwirkungen der verabreichten Medikamente zu informieren.

„Auf unsere Nachfrage wurde lediglich beiläufig erwähnt, dass Stephan Faustan und Haldol bekommen habe“, erklärt Chris-Romy Dalitz. „Weitere Hinweise, insbesondere auf weitere Medikamente, gab es nicht. Zudem hat man sich geweigert, uns die Krankenakte zu zeigen und uns einen Arztbrief auszuhändigen.“

Das verabreichte Faustan ist ein Diazepam und führt zur Schläfrigkeit und beeinträchtigt das Reaktionsvermögen auf längere Zeit. Nebenwirkungen des Psychopharmakons sind insbesondere Müdigkeit, Benommenheit, Schwindelgefühl, eine verlängerte Reaktionszeit sowie Verwirrtheit von bis zu 60 Stunden nach Verabreichung.

Bei dem verabreichten Haldol handelt es sich um ein Haloperidol, das zu psychotischen Störungen und Depressionen führen kann.

Die Folgen für Stephan waren fatal. Wenige Stunden später war er tot. Zu Hause angekommen klagte er gegenüber seiner jüngeren Schwester Seline noch über plötzliche Kiefer- und Zungenschmerzen. Vieles spricht dafür, dass sich bei ihm als Folge der Medikamenteneingabe ein tückisches Zungen-Schlundsyndrom eingestellt hatte. „Er konnte jedenfalls kaum noch sprechen und bekam schlecht Luft“, berichtet seine Mutter, die zu dem Zeitpunkt schon ihren Spätdienst angetreten hatte.

Obwohl Stephan völlig übermüdet war, verließ er panikartig das Haus, um frische Luft zu bekommen. Wie er dann auf die 150 Meter entfernten Zuggleise gelangte, blieb bis heute ein Rätsel. Vieles spricht jedoch dafür, dass Stephan unter dem Einfluss der schweren Psychopharmaka völlig orientierungslos umherirrte und in der Dunkelheit unbeabsichtigt auf die Schienen geriet. Kurz nach 20.00 Uhr wurde er von hinten von einem heranrasenden Regionalzug mit einer Geschwindigkeit von 120 km/h erfasst. Stephan Dalitz war auf der Stelle tot.

Weil Stephan nicht Zuhause war, als seine Mutter nachts von ihrer Schicht nach Hause kam, suchte sie zunächst draußen nach ihm und fragte in den umliegenden Krankenhäusern nach ihrem Sohn. Früh am Morgen gab sie dann auf der nächsten Polizeiwache eine Vermisstenanzeige auf. Sie brach mit einem Schock zusammen, als sie vom Tod ihres Jungen erfuhr. „Es riss mir förmlich den Boden unter den Füßen weg“, sagt Chris-Romy Dalitz. „Ich verspürte nur noch einen einzigen großen, unbeschreiblichen Schmerz.“

Die Familienmutter ist davon überzeugt, dass der Tod ihres Jungen hätte verhindert werden können. Warum hat man ihn gegen seinen Willen in der Klinik behalten? Warum wurde er dort mit Psychopharmaka vollgepumpt? Warum hat man ihn über die gefährlichen Nebenwirkungen der Medikamente nicht aufgeklärt? Das sind Fragen, die sich auch die Staatsanwaltschaft stellt. Sie ermittelt wegen Freiheitsberaubung und fahrlässiger Tötung gegen die Verantwortlichen der Klinik.

Und was sagt das Fachklinikum Teupitz zu den Vorwürfen? Mit Hinweis auf eine „über den Tod hinausgehende ärztliche  Schweigepflicht“ und auf „laufende Ermittlungen“ lehnt man jegliche Stellungnahme ab. „Seitens der Klinik erteilen wir zu dem konkreten Patientenschicksal gegenüber der Öffentlichkeit keine Auskünfte“, so Mathias Eberenz, Pressesprecher der Asklepios Kliniken, zu denen das Fachklinikum Teupitz gehört.

Auch Chris-Romy Dalitz hat bis heute nichts von der Klinik gehört. Keine Erklärung, kein Wort des Bedauerns, geschweige denn eine Entschuldigung. „Ich werde mit aller Kraft dafür kämpfen, dass die Umstände des Todes meines Kindes vollständig aufgeklärt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden“, verspricht sie. „Das habe ich am Sarg meines Sohnes geschworen.“

Weitere Infos auf Stephans Gedenkseite, die seine Mutter für ihn ins Netz gestellt hat. www.gedenkseiten.de/stephan-dalitz

claus.hollmann@brandzeilen.de

 

 

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